Wie wir die Krise meistern: Der Glaube kann Halt geben – wenn man ihn einübt

Aktueller Schwerpunkt der Arbeit von Hochschulpfarrer Benno Gliemann: zuhören, miteinander sortieren und Hilfsangebote vermitteln

Menschen Studium Corona zugewandt

Die Redaktion der Jade Welt (JW) fragt den Hochschulpfarrer Benno Gliemann von der Evangelischen Studentengemeinde am Campus Wilhelmshaven, nach seiner Arbeit in Zeiten der Corona-Krise.

JW: Herr Gliemann, wie hat sich Ihre Arbeit seit Beginn der Krise verändert?

Gliemann: Auf einmal war die Hochschule geschlossen, alle Veranstaltungen, die die Studierendengemeinde normalerweise durchführt, mussten abgesagt werden. Wir sollten möglichst zu Hause bleiben und es vermeiden, andere Menschen zu treffen. Menschliche Begegnungen, Besuche und Gespräche sind aber wesentlicher Teil der Arbeit eines Pastors. So musste ich meinen Arbeitsstil ändern und überlegen, wie kann ich jetzt Menschen erreichen? Ich habe viel telefoniert, Emails geschrieben, auf WhatsApp gechattet und mit Videoclips experimentiert. Einen Gottesdienst zu Ostern habe ich als Film online gestellt, aber da fehlt das persönliche Miteinander. Bei einigen Menschen habe ich vor dem Fenster den Ostersegen gesungen; das hat große Überraschung und viel Freude ausgelöst. Viele Begegnungen haben sich früher im Vorbeigehen ergeben, ein Gespräch im Treppenhaus oder am Tisch in der Mensa. Nicht selten mit Menschen, die ich vom Sehen her ganz gut kenne, mit denen ich auch öfter gesprochen habe, von denen ich aber nur den Vornamen weiß. Diese Menschen erreiche ich zurzeit nicht.

JW: Mit welchen Fragen wenden sich die Studierenden derzeit an Sie?

Gliemann: Wir müssen mit Einschränkungen leben, wie es sie noch nicht gegeben hat. Viele Studierende leiden unter den Kontaktbeschränkungen, der Unsicherheit, wie die Zukunft aussehen wird und wie das Studium weitergehen kann. Das macht teilweise erheblichen Druck. Hier kommen Menschen und suchen Rat und Trost. Ich führe solche Gespräche gerne „von Angesicht zu Angesicht“. So habe ich vorgeschlagen, sich zum Spazierengehen draußen zu treffen.
Besonders ausländische Studierende haben das Problem, dass sie ihren Job in der Krise verloren haben. Sie sind auf das verdiente Geld angewiesen, sie haben keinen Zugang zu den meisten Förderangeboten, die deutsche Studierende in Anspruch nehmen können und geraten so in wirtschaftliche Not. Das ist gerade mein Hauptarbeitsfeld: zuhören, miteinander sortieren, Hilfsangebote vermitteln und versuchen, die schlimmste finanzielle Not zu lindern.

JW: Welche Rolle spielt der Glaube in Krisensituationen?

Gliemann: Eine außerordentlich wichtige! Die Studierenden, die ich aus unserem Andachtskreis, aus der Bibelgruppe oder seelsorgerlichen Gesprächen kenne, berichten mir, dass Gottvertrauen, beten, singen und hoffen ihnen Halt und Trost gibt, dass sie zuversichtlicher und ohne Angst durch diese Zeit gehen können. Und das ist auch meine eigene Erfahrung. Ich denke, damit Glaube in einer Krisensituation trägt, muss man ihn einüben, mit ihm gelebt und Erfahrungen gemacht haben. Vielleicht ist das ein bisschen wie beim Sport: da schafft man als Anfänger auch keine 100 Kniebeugen.

Evangelische Studenten Gemeinde (ESG)

Die Evangelische Studenten Gemeinde (ESG) ist Kirche an der der Jade Hochschule. Kommen und mitmachen kann jede_r, ganz unabhängig von der Herkunft oder Glaubensüberzeugung.

Kontakt:
Benno Gliemann
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