Wie Tabus auf die Massenkommunikation wirken

Melanie Hellwig schließt Dissertation zu medialen Tabubrüchen erfolgreich ab

Forschung Menschen Promotion innovativ

Die Aufregung vor der mündlichen Prüfung war groß, die Wochen davor ebenso arbeitsreich wie nervenzehrend. Nun ist es geschafft: Melanie Hellwig hat ihre Dissertation über mediale Tabubrüche mit „magna cum laude“ (sehr gut) abgeschlossen. Sie ist seit 2003 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Medienwirtschaft und Journalismus (MWJ; Fachbereich Management, Information, Technologie) an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven und seit 2014 Studiengangsmanagerin für MWJ. Promoviert hat Melanie Hellwig an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Dort lehrt und forscht ihr Doktorvater und Erstprüfer Prof. Dr. Markus Behmer am Institut für Kommunikationswissenschaft. Als Zweitprüferin betreute Prof. Dr. Andrea Czepek von der Jade Hochschule die Arbeit.

Darin ging es zunächst darum, den Begriff des Tabus aus der Sicht der Kommunikationswissenschaft zu betrachten, zu definieren und von anderen abzugrenzen. „Das fand ich sehr spannend, denn vorher hatte sich noch niemand in diesem Kontext mit dem Thema Tabus beschäftigt“, sagt Melanie Hellwig. „Ich konnte also Erkenntnisse zum Phänomen des Tabus auf ein neues Feld, nämlich die Kommunikationswissenschaft, anwenden.“

Im zweiten, dem empirischen Teil der Arbeit, untersuchte sie an einem konkreten Fallbeispiel, wie der öffentliche bzw. öffentlich gemachte Bruch eines Tabus zu einem Skandal führen kann und wie sich der Wandel eines Tabus in der Massenkommunikation zeigt. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung stand der Artikel „Wir haben abgetrieben“ des Magazins „Stern“ von 1971. Darin bekannten sich 374 Frauen, darunter Prominente wie Senta Berger und Romy Schneider, zu ihren – noch unter Strafe stehenden – Schwangerschaftsabbrüchen. Mit einer politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung über eine entsprechende Gesetzesreform, die 1976 folgte, hatte die Aufweichung dieses Tabus damals bereits begonnen. An der Berichterstattung zu diesem Thema, die Hellwig im Zeitraum 1962 bis 1976 untersuchte, zeigte sich, wie die Medien gesellschaftliche Realität abbilden: Wurde 1962 Abtreibung noch scharf verurteilt, so zeigte sich 1971, dass keine der Frauen, die ihre Abtreibungen im „Stern“ öffentlich machten, verurteilt wurde – weder von Gerichten noch von den Medien selbst.

„Landläufig hat man oft das Gefühl, dass Medien ständig Tabus brechen“, meint Prüferin Andrea Czepek. „Melanie Hellwig zeigt in ihrer Dissertation unter anderem, dass Medien Tabus aber auch verstärken können. Das ist ein sehr interessanter Aspekt: Ein Tabubruch in den Medien ist wahrscheinlich erst möglich, wenn das Tabu in der Gesellschaft bereits geschwächt ist.“ Vor der Leistung von Melanie Hellwig hat sie großen Respekt: „Die Dissertation hat sie als alleinerziehende Mutter und neben einem Vollzeitjob an der Hochschule gemeistert. Das ist ein großartiger Erfolg.“

Die letzte große Herausforderung bestand zum Ende des Jahres 2019 in der mündlichen Prüfung – an der Uni Bamberg ähnlich einem sogenannten Rigorosum. Das bedeutet, dass Hellwig, die Geschichte und Politikwissenschaft studiert hat, von insgesamt vier Prüfern nicht nur zu ihrer Doktorarbeit, sondern über die gesamte Breite des Fachs Kommunikationswissenschaft sowie ein fachfremdes Thema (die Geschichte der Frauenbewegung) geprüft wurde. „Ich war sehr erleichtert und auch stolz, als es vorbei war, denn ich hatte noch einmal viel Energie und Ehrgeiz in die Vorbereitung gesteckt“, sagt sie. Als nächster und letzter Schritt folgt nun noch die Arbeit an der Veröffentlichung der Dissertation.

„Tabus können etwas Gutes sein!“ – ein Interview mit Melanie Hellwig im Blog der Innovativen Hochschule

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Katrin Keller
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