Personalrat aktuell: Mobiles Arbeiten an der Jade Hochschule

Carsten Henze und Berit Müller im Gespräch

Menschen Personalrat zugewandt

Was lange undenkbar erschien, wurde durch die Corona-Krise in vielen Unternehmen und Institutionen über Nacht möglich: die Arbeit im Home Office. Der Personalrat der Jade Hochschule beschäftigt sich schon lange mit dem Thema „Mobiles Arbeiten“. Die Jade Welt (JW) fragt den Personalratsvorsitzenden Carsten Henze und die neue Personalrätin Berit Müller nach dem aktuellen Stand.

JW: Herr Henze, warum setzen Sie sich für die Möglichkeit des mobilen Arbeitens ein bzw. welche Vorteile hat diese Arbeitsform?

Henze: Schon vor der Zeit von Corona gab es einen Bedarf an Tele-/mobilem Arbeiten. Seit den 1970er Jahren hat die Verarbeitung und Speicherung von digitalen Daten massiv zugenommen. Dadurch haben sich Arbeitsabläufe und -prozesse verändert. Die Ausübung von bestimmten Tätigkeiten ist nicht mehr zwangsläufig an einen Arbeitsplatz in der Hochschule gebunden. Diese Entwicklung können und sollten wir nicht ignorieren. Als Vorteile werden recht schnell Umweltentlastung und Zeiteinsparung durch weniger pendeln; bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf genannt.  Allerdings gibt es, wie bei fast allen Entwicklungen, Vor-und Nachteile. Leider erschließen sich einem die Nachteile nicht so leicht wie die Vorteile. Frau Müller wird im Fall der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch darauf eingehen. Wir finden die Vorstellung faszinierend zum Beispiel Emails mal eben schnell, möglichst mit dem Smartphone, auf dem Sofa zu beantworten. Für einen kurzen Zeitraum sicher auch kein Problem, dauert es aber mal länger warnen Augenärzte und Orthopäden vor Überlastung und Schädigung der entsprechenden Körperteile. Soziologen warnen vor einer Entgrenzung der Arbeitszeit. In der Coronazeit haben wir erfahren, wie belastend es sein kann, wenn der Rechner auch noch Freitagsabend laufen muss, weil vielleicht eine E-Mail eintrifft in der steht, wie wir am Montag arbeiten werden. Es gilt also die Vorteile zu nutzen und die Nachteile zu vermeiden. Diese Rahmenbedingungen mit den Kolleg_innen zu gestalten empfinde ich als herausfordernd und spannend zugleich.

JW: Arbeiten wir denn im Home Office genauso effektiv wie im Büro?

Henze: Ich denke schon. Allerdings hängt dies auch stark von der Gestaltung des Arbeitsplatzes und der persönlichen Einstellung ab.

In den kommenden Wochen stellt die Jade Welt verschiedene Arbeitsbereiche und die Mitglieder des Personalrates vor.

JW: Wie war der Stand in Sachen Dienstvereinbarung Mobiles Arbeiten vor der Corona Krise?

Henze: Vor der Zeit von Corona gab es Bemühungen einer Überarbeitung der landesweit geltenden Dienstvereinbarung (DV) zu schaffen. Diese sollte nicht nur für alle Hochschulen, sondern für alle Dienststellen des Landes gelten. Die bestehende DV kennt nur den Teil der Telearbeit – mobiles Arbeiten ist dort nicht geregelt. Ein Streitpunkt unter den verschiedenen Ministerien und der Arbeitgebervertretung war zum Beispiel die Höhe des möglichen Anteils der Tele-/mobilem Arbeiten an der Gesamtarbeitszeit. Die Arbeitgeberseite hatte Vorbehalte gegenüber einer großzügige Nutzung von Arbeitsplätzen außerhalb der Dienststellen. Wir vor Ort mussten aber die verbindlichen Regelungen der landesweiten DV abwarten, damit Regelungen in einer örtlichen DV nicht im Widerspruch zu dieser standen.

JW: Was hat sich seitdem verändert?

Henze: Corona hat dazu geführt das obige Vorbehalte „über Nacht“ verschwanden. Allerdings scheint auch die gesamte Überarbeitung verschwunden. Jedenfalls regeln die Hochschulen zurzeit ihre Tele-/mobile Arbeit in örtlichen DV‘s. Der Personalrat hat dazu Beratungen aufgenommen und wir werden mit den Kollegen_innen einen Vorschlag erarbeiten, den wir dem Präsidium unterbreiten werden.

JW: Ihre Prognose - wie werden wir in zehn Jahren an der Jade Hochschule arbeiten?

Henze: So weit mag ich nicht in die Zukunft schauen. Corona hat gezeigt wie schnell sich Arbeits-, sogar ganze Lebensbedingungen, verändern können. Wichtig ist mir, dass wir schnell und flexibel unter Wahrung der Gesundheit der Kolleg_innen handeln können. Konkret bin ich davon überzeugt, dass kurzfristig nicht mehr alle Kolleg_innen fünf Tage die Woche an ihrem Arbeitsplatz in der Hochschule arbeiten werden.

JW: Frau Müller, während der Corona-Krise mussten viele Eltern zeitgleich ihre Kinder betreuen und arbeiten. Das ist mitunter schwierig. Welche Fragen wurden hierzu an den Personalrat rangetragen?

Müller: Es gab Eltern, die fragten, ob sie die Arbeitszeit denn wirklich vollständig anrechnen dürften, wenn sie die zu leistende Arbeit zwar erbracht hätten, aber doch nebenbei nach den Kindern schauen und die Kinder beschäftigen und versorgen mussten.

JW: Wie hat sich der Personalrat in dieser Zeit für die Kolleg_innen mit Sorgepflichten eingesetzt?

Müller: Der Personalrat hat sich informiert, wie die Situation an anderen Hochschulen gehandhabt wird und diese Informationen auch an die Kolleg_innen weitergegeben. Es wurde auch mit dem Präsidium zeitnah geklärt, wie möglichst „familiengerecht“ mit der Situation umgegangen werden kann. Der Personalrat hat jederzeit seine Unterstützung für Fragen und Unsicherheiten angeboten.

JW: Wie ist der Stand jetzt, da einige Kinder zeitweise wieder in Schulen oder Kindergärten betreut werden?

Müller: Sicherlich haben die Fragen nachgelassen, weil sich alle „eingewöhnt“ haben. Aber zu einer eingeschränkten Betreuung der Kinder kommt auch eine höhere Arbeitsbelastung durch das wieder aktivere Tagesgeschäft an der Hochschule. Und auch die Kinder müssen mit der Belastung der letzten Monate und dem Einstieg in das wieder neue Umfeld emotional zurecht kommen. Dies bedeutet für Eltern auch weiterhin aktive Arbeit innerhalb der Familie.

JW: Sie haben selber Kinder, was wünschen Sie sich persönlich von den Kolleg_innen und Führungskräften?

Müller: Ich wünsche mir persönlich, dass das Verständnis nach zehn Wochen einer solchen manchmal mehr als doppelten Belastung größer ist, als nach zwei Wochen, als die Situation noch für alle neu war. Denn nach zehn Wochen ist es vielleicht ruhiger geworden, aber sicher nicht einfacher. Mir ist bewusst, dass Telearbeit eben nicht Kinderbetreuung bedeutet, aber anders war es in den letzten Wochen nicht möglich und auch wenn es nicht jeden direkt betrifft, sollten sich Kolleg_innen darüber bewusst sein, dass Kinder eine gewisse Erwartungshaltung an Eltern haben, wenn diese zu Hause sind und oft nicht verstehen, warum sich dann nicht um sie gekümmert wird, sondern die Arbeit sehr oft vor ging.

Ansprechpartnerin in der Redaktion

Katrin Keller
Katrin Keller

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