Nachgefragt: Prof. Dr. Holger Saß zieht Fazit zur digitalen Lehre

Die Umstellung auf die digitale Lehre war im März eine Herausforderung für Lehrende und Studierende. Von heute auf morgen wurde der Präsenzbetrieb eingestellt und die digitale Lehre fortgeführt.

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Das außergewöhnliche Sommersemester 2020 neigt sich langsam dem Ende entgegen, der Prüfungszeitraum hat bereits begonnen. Zeit für ein erstes Fazit für Prof. Dr. Holger Saß, Dekan des Fachbereichs Management, Information, Technologie (MIT).

Welchen Problemen und Schwierigkeiten standen Sie nach dem Lockdown für Ihre Lehre gegenüber?

Saß: Zu Beginn waren die Systeme für synchrone digitale Vorlesungen leider stark überlastet. Daher habe ich zunächst das Vorlesungsskript, eine PowerPoint-Präsentation, zur Verfügung gestellt. Zusätzlich habe ich das Angebot für die Einsendung von Übungsaufgaben in Moodle eingerichtet und zu jeder Einsendung ein individuelles Feedback gegeben. Ergänzend dazu habe ich Videos erstellt, in denen ich die Lösung der Aufgaben mit der Dokumentenkamera aufgenommen habe.

Nicht nur für die Lehrenden, sondern auch für die Studierenden bedeutet das digitale Studium eine Umstellung. Wie haben Ihre Studierenden auf die neue Form der Lehre reagiert?

Saß: Nachdem durch das Hochschulrechenzentrum eine deutliche Verbesserung im Bereich der Videokonferenzsysteme erreicht wurde, habe ich die Studierenden befragt, welches Format sie sich wünschen. Obwohl die Videos gut ankamen, war der Wunsch nach einer digitalen Vorlesung, in der auch selber Aufgaben gerechnet werden, sehr groß. Um die digitalen Vorlesungen etwas abwechslungsreicher zu gestalten und die Studierenden zu aktivieren, habe ich diese mit Beiträgen per H5P „Drag the Words“ und „Interactive Video“, eduVote und der Möglichkeit eines anonymen Chats ergänzt. Diese Angebote wurden nach meiner Einschätzung gut angenommen.

Es sind noch ein paar Wochen bis der Prüfungszeitraum endet und die vorlesungsfreie Zeit beginnt. Wie sieht Ihr erstes Fazit für dieses Semester aus?

Saß: Am schwierigsten ist es, dass mir unmittelbare Feedbacks fehlen. Die Studierenden schalten leider in meinen Vorlesungen die Kamera nicht ein und geben fast nie eine Rückmeldung per Audiokanal. Dadurch spreche ich während der Veranstaltung nur in das Mikrofon – wie im Radio.

Der Wechsel zwischen den Medien wie Powerpoint, eduVote oder der Dokumentenkamera während der digitalen Vorlesung erfordert eine hohe Konzentration und führt trotz guter Vorbereitung auch immer wieder zu kleinen technischen Pannen. Beispielsweise war einmal mein Ton für mehrere Minuten nicht zu hören, bis ich darauf aufmerksam gemacht wurde.

Darüber hinaus hat die wiedereinsetzende Präsenzlehre in einem anderen Fach zu einer Terminkollision mit der digitalen Vorlesung geführt. Solche Situationen sollten wir im kommenden Semester nach Möglichkeit vermeiden.

Ab 18. Mai 2020 hat die Hochschule wieder mit einer schrittweisen Öffnung begonnen und so die Wiederaufnahme erster Vorlesungen in geschützter Präsenz ermöglicht. Sie haben Ihre Vorlesungen dennoch weiterhin online abgehalten und um weitere digitale Formate zur Prüfungsvorbereitung ergänzt. Warum?

Saß: Einerseits hat sich mittlerweile eine gewisse Routine eingestellt, vielleicht auch deshalb, weil ich auch im Online-Studiengang lehre und daher die Situation nicht völlig neu für mich war. Aber auch die Studierenden haben sich mehrheitlich für die Fortsetzung der digitalen Variante ausgesprochen.

Was vermissen Sie durch die fehlenden Präsenzvorlesungen? Was konnte möglicherweise digital noch nicht ersetzt werden?

Saß: Neben einem direkten Feedback, wie beispielsweise die Antwort auf die Frage wer noch zuhört und ob ich die Studierenden überhaupt erreichen kann, fehlt mir vor allem die Möglichkeit, die Bearbeitung von Übungsaufgaben betreuen zu können. Dabei schaue ich ansonsten den Studierenden über die Schulter und sehe, ob und wo es Probleme gibt. Das geht online in dieser Form praktisch gar nicht.

Welche Chancen und Möglichkeiten sehen Sie durch die Corona-Krise für die Digitalisierung im Bereich der Lehre im Fachbereich MIT?

Saß: Ich gehe davon aus, dass sich die Lehrenden intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Dies hätte ansonsten in dieser Form sicher so nicht stattgefunden. Nun muss aber dennoch sorgfältig abgewogen werden, welche der Inhalte weiterhin, vielleicht auch nur ergänzend, in einem neuen Format zur Verfügung gestellt werden sollen und wo das eher keinen Sinn macht. Auf jeden Fall sehe ich einen großen Unterstützungsbedarf für die Lehrenden, der an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden sollte.

Ansprechpartnerin in der Redaktion

Anke Westwood
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