Kolumne: "Migrationshintergrund – Belastung oder Chance?"

Kolumne von Prof. Dr. Uwe Weithöner

Menschen Kolumne

Migrationshintergrund - das Wort klingt wie eine Bürde, obwohl es mal neutral und vorurteilsfrei gemeint war. Der Begriff wird seit 2005 als ein Ordnungskriterium der amtlichen Statistik zur Beschreibung der Bevölkerungsstruktur definiert: Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.

Im Laufe der Jahre ist dieser Begriff aus den Tiefen statistischer Analysen aufgetaucht und allgegenwärtig geworden. Die öffentlichen Medien wollten in ihren Berichterstattungen Vorurteile gegenüber einzelnen Herkunftsländern und -regionen vermeiden. Statt konkreter Nationalitäten wurde der zunächst neutrale Oberbegriff des Migrationshintergrundes entdeckt und zum Standard. Mittlerweile gewinnt man jedoch den Eindruck, dass der Begriff zu häufig als negativ wertend für zu viele Menschen pauschal benutzt wird. Gut gemeint, schlecht gelaufen!

Ich möchte aus Sicht der Hochschule auf Menschen schauen, die diesen Begriff ertragen müssen, und möchte vermitteln, dass der Begriff für Qualifikation und Chancen stehen kann. Menschen, die sich in einer anderen Kultur, in einem fremden Land niederlassen, die sich dort positiv und zukunftsorientiert fordern lassen und gezielt gefördert werden, erhalten mit diesem Integrationsprozess eine besondere Qualifikation:

Wir alle sind von Schulkindes Beinen an bemüht, mindestens zweisprachig zu werden. Wir lehren an der Hochschule Fächer wie Business-English, wir bieten deutsch-französische oder spanische Doppelabschlüsse an, Grundkurse in Chinesisch und Arabisch sowie fremdsprachliche Seminare. Junge Menschen aus dem Ausland sind, wenn sie die Deutschkurse absolviert haben und die deutsche Sprache nutzen (müssen), mindestens zweisprachig. Viele bringen neben ihrer Heimatsprache zusätzlich auch ihre „Kolonialsprache“, Französisch, Englisch, Spanisch oder Russisch, mit und sind damit dreisprachig. Ergänzend ist festzustellen, dass die jungen Leute, die bereits in ihren Heimatländern schulisch ausgebildet worden sind, die Sprache der Mathematik besser beherrschen als unsere Eingeborenen. Zitat eines Studenten aus Afrika: „Ihr habt hier tolle Praxislabore, aber Mathe und Physik haben wir zuhause besser gelernt.“ Fazit: Ein junger Mann aus Kamerun gibt Nachhilfe für junge Deutsche. 

Was für die sprachliche Vielfalt gilt, gilt weitergehend auch für die kulturelle. Durch zugewandtes und zukunftsorientiertes Fordern und Fördern können wir junge Menschen integrieren, die zwei Kulturen in sich tragen. Integration bedeutet dabei, dass die individuelle Heimatkultur und unsere Kultur nebeneinander bestehen. Niemand sollte seine Herkunft verleugnen und verdrängen (müssen), sondern beide in sich vereinen. Wir leben in einer Welt und arbeiten unabhängig von Landes- und Kontinent-Grenzen weltweit arbeitsteilig zusammen. Wir nennen es Globalisierung. Nationalitäten, Kulturen und Regime sollten dem keine Grenzen setzen, sondern diese Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeit sollte im Sinne der ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Nachhaltigkeit entwickelt und gelebt werden. Was kann dazu dienlicher sein als junge Menschen, die zwei Kulturen in sich vereinen, und junge Menschen, die sie aufnehmen und gleichberechtigt mit ihnen leben. Für die einheimischen jungen Menschen kommt damit die Welt zu ihnen. Wir nennen es an der Hochschule „Internationalisierung zuhause“.

"Junge Menschen, die für ein Miteinander der Kulturen qualifiziert sind, sind eine Chance, ja eine Voraussetzung, dass die weltweite Zusammenarbeit nachhaltig und damit Frieden stiftend gelingen kann. "

Unsere regionale Wirtschaft mit ihren kleinen und mittelgroßen Unternehmen braucht qualifizierten Nachwuchs, der bedingt durch die demografische Entwicklung aber auch durch Fehlentwicklungen in unserem Gesellschafts- und Bildungssystem oftmals nicht ausreichend zur Verfügung steht. Viele dieser Unternehmen sind auf internationalen Märkten aktiv und existenziell auf Mitarbeiter_innen angewiesen, die nicht nur mehrsprachig, sondern auch interkulturell qualifiziert sind. Sie müssen folglich weltweit in unterschiedlichen Kulturkreisen verbindlich, respektvoll und sensibel agieren können. Junge Menschen, die für ein Miteinander der Kulturen qualifiziert sind, sind eine Chance, ja eine Voraussetzung, dass die weltweite Zusammenarbeit nachhaltig und damit Frieden stiftend gelingen kann.

Es bedarf dazu aller Migrationsbewegungen: Junge Deutsche sollten Auslandsaufenthalte zum Studieren und Arbeiten anstreben, junge zu uns kommende Menschen sind im beschriebenen Sinne zu fordern und zu fördern, und die gemeinschaftliche „Internationalisierung zuhause“ muss ein fester Bestandteil der Ausbildung sein. Es sei ergänzend erwähnt, dass es im Sinne einer weltweiten Arbeitsteilung auch wertvoll ist, wenn junge ausländische Menschen bei uns ausgebildet werden, vielleicht auch hier in den Beruf einsteigen, um dann wieder zurückzukehren und die Zusammenarbeit aus ihren Heimatländern heraus fortzusetzen. Sie werden damit zu Botschaftern unseres Landes.

Mit diesem Beitrag formuliere ich Ziele. Wir streben sie an und arbeiten konkret daran. Dazu bitten wir um Unterstützung. Der Begriff Migrationshintergrund zeigt, dass chancenreiche Attribute durch Pauschalisierung verkannt werden können.


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