Kein Aufschwung in Sicht: Ökonomen des Handelsblatt-Research-Instituts sind pessimistisch für die Jahre 2020/21

Interview mit Prof. Dr. Bernhard Köster

Rundblick kompetent Interview

Jahrelang war das starke verarbeitende Gewerbe das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Nun wird die Industrielastigkeit zum Problem. Die Jade Welt sprach dazu mit Prof. Dr. Bernhard Köster, Professor für Volkswirtschaftslehre und quantitative Methoden an der Jade HS. Zusammen mit dem Handelsblatt-Research Institut gibt er eine vierteljährliche Konjunkturprognose für Deutschland heraus.

JW: Herr Köster, die Konjunkturprognose des Handelsblatt Research Institutes (HRI) für das kommende Jahr sieht recht düster aus. Können Sie drei wesentliche Punkte benennen, die dafür verantwortlich sein sollen?

Köster: Erstens ist Deutschland als die international verflochtenste große Volkswirtschaft der Welt in besonderem Maß von den weltweiten politökonomischen Konflikten betroffen. Zweitens nähert sich der Boom am deutschen Arbeitsmarkt seinem Ende und drittens fehlt es der deutschen Industrie trotz Nullzinsen an rentablen Investitionsobjekten.

JW: Warum muss sich vor allem die deutsche Industrie auf eine längere Durststrecke einstellen?

Köster: Im Vergleich zu den anderen Wirtschaftsforschungsinstituten liegen wir tatsächlich am unteren Rand mit unserer Prognose. Unsere Einschätzung beruht vornehmlich auf der Annahme, dass die weltweiten Konflikte und damit die Belastung für den internationalen Handel – traditionell eine der Haupttriebfedern für die deutsche Wirtschaft – zunehmen werden. Leider scheint sich dies über den Jahreswechsel hin zu bestätigen. Des weiteren sehen wir ein Ende des deutschen Jobwunders in den nächsten zwei Jahren und auch dies scheint sich durch die jüngsten Zahlen – im Vorjahresvergleich ist die Arbeitslosigkeit im Dezember in Deutschland erstmals seit sechs Jahren wieder gestiegen – zu  bewahrheiten.

JW: Wie kommt es dazu, dass sich der 2006 begonnene Beschäftigungsaufbau scheinbar dem Ende neigt?

Köster: Neben dem angesprochenen Anstieg der Arbeitslosigkeit wird sich unserer Ansicht nach immer mehr der demografische Wandel auf die Beschäftigungssituation auswirken. Grob gesprochen gehen in den nächsten Jahren die sogenannten Babyboomer, deren Jahrgänge Besetzungszahlen von bis zu 1,3 Millionen Personen aufweisen, in den Ruhestand, während mit den nachkommenden Jahrgängen nur etwa jeweils sieben- bis achthunderttausend Personen nachrücken. Auch wenn in vielen Bereichen, wie der Pflege von älteren Menschen und der Betreuung von Kindern ein immenser Bedarf besteht, wird es aufgrund der beschriebenen Lücke an Personen sehr schwierig werden offene Stellen zu besetzen. Hinzu tritt natürlich der auch in vielen anderen Branchen zu konstatierende Fachkräftemangel. Das Problem ist damit nicht die fehlende Zahl von Beschäftigungsmöglichkeiten, sondern die fehlende Zahl der richtig qualifizierten Personen. Gerade in diesem Zusammenhang ist die wichtige Funktion einer Institution wie der Jade Hochschule zu sehen. Nicht zuletzt aus diesem Grund entwickeln wir gerade im Fachbereich Wirtschaft neue Studiengänge in den Gebieten „International Business“ und „Gesundheit & Soziales“.

JW: Was könnte diese Entwicklung für die Verbraucher und Verbraucherinnen bedeuten?

Köster: Im privaten Konsum sehen wir derzeit noch eine Stütze der Konjunktur. Dies kann insbesondere auf die verhältnismäßig hohen Tarifabschlüsse in der letzten Zeit zurückgeführt werden. Denn zusammen mit der relativ moderaten Inflation von etwa 1,5 Prozent in den letzten Jahren, bleibt den Verbrauchern aktuell damit real etwas mehr im Geldbeutel. Aber auch hier zeigen sich etwa bei dem von uns zusammen mit dem Handelsverband Deutschland (HDE) entwickelten HDE-Konsumbarometer erste Eintrübungen zum Jahresauftakt

JW: Vielen Dank für das Gespräch.

Ansprechpartnerin in der Redaktion

Anke Westwood
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