Dekanin Prof. Barbara Brucke im Gespräch

Herausforderungen: Digitalisierung, weltweit vernetzte Wertschöpfungsketten und Klimawandel

Prof. Barbara Brucke ist die neue Dekanin des Fachbereichs Seefahrt & Logistik. Die Professorin für Logistik und Controlling ist seit 1995 an der Hochschule tätig und wurde damals als erste Frau an den Fachbereich berufen. Vor ihrem Ruf an die Jade Hochschule arbeitete die Wirtschaftsingenieurin als Unternehmensberaterin, spezialisiert im Bereich der Planung internationaler Logistikstrukturen. Die Jade Welt (JW) fragt nach ihren Plänen für die neue Amtszeit…

JW: Liebe Frau Brucke, welche Herausforderungen sehen Sie in den nächsten drei Jahren auf Ihren Fachbereich zukommen?

Brucke: Nur der Wandel ist beständig lautet ein Sprichwort. Keiner von uns hätte es allerdings für möglich gehalten, dass unsere Welt sich in so kurzer Zeit so rasant verändern würde: Unsere komplette Lebensweise und viele der Dinge, die wir als moderne Menschen für selbstverständlich gehalten haben, stehen auf dem Prüfstand. Das betrifft jeden Einzelnen von uns im privaten Umfeld, aber auch uns als Hochschule. Neben internen operativen Herausforderungen, wie zum Beispiel der Umsetzung sich ständig ändernder Infektionsschutz-Verordnungen, sollten wir ein paar mittel- und langfristige Aspekte nicht aus den Augen verlieren.

Nachdem in den letzten zwölf Monaten der Fokus vor allem auf der Umstellung der Lehre und der Betreuung der Studierenden auf online-Formate lag, ist unsere aktuelle interne Herausforderung, dass zwei Kollegen längerfristig erkrankt sind, zwei Stellen neu besetzt werden müssen und in den in den nächsten Jahren einige Kollegen in den Ruhestand gehen. Daher gilt es, eine gute Lehre sicherzustellen und parallel durch geschickte Berufungen das Profil des Fachbereichs langfristig an verschiedene externe Anforderungen und Veränderungen anzupassen. Einige davon will ich nennen:

Die zunehmende Digitalisierung macht sich schon seit Jahren in der Logistik bemerkbar, wobei der Logistik-Weltmeister Deutschland diese Veränderung deutlich schneller als seine europäischen Mitbewerber aufgegriffen hat. Allerdings bleibt durch den immensen Kostendruck in dieser Branche das Veränderungstempo nach wie vor hoch. Wir müssen daher in den nächsten Jahren die Digitalisierung in der Logistik und Themen wie Autonome Systeme, Künstliche Intelligenz, Data Science aber auch New Work und die damit einhergehenden veränderten Arbeitswelten stärker in die Lehre integrieren, um unsere Absolvent_innen fit für den sich ändernden Arbeitsmarkt zu machen.

 

Prof. Barbara Brucke (Foto: privat)
Prof. Barbara Brucke (Foto: privat)

Auch, wenn verschiedene Wirtschaftszweige aktuell durch die Pandemie sehr betroffen sind, wird es weiterhin eine weltweite Logistik geben und geben müssen. Gerade die aktuellen Meldungen über fehlende Computer-Chips für die deutsche Automobilproduktion oder der im Suez-Kanal havarierte Container-Riese zeigen, wie wichtig das gute Funktionieren von weltweit vernetzten Wertschöpfungsketten ist und welch existentiellen Anteil die maritime Logistik hat. Wir sind im Fachbereich durch die Kombination der nautischen und der logistischen Kompetenz exzellent aufgestellt, um die nötigen Fachkräfte auszubilden.

Angesichts der aktuellen Corona-Krise und der wirtschaftlichen Probleme übersehen wir Menschen gerne vor lauter „operativer Hektik“, dass der Klimawandel eine sehr viel dramatischere Veränderung unserer Lebensbedingungen mit sich bringen wird. Aus meiner tiefsten Überzeugung können wir dem nur begegnen, wenn wir mehr Gewicht auf das Thema Nachhaltigkeit legen. Dabei ist es mir sehr wichtig, dies nicht nur im ökologischen Sinn zu verstehen, sondern im Sinne des Nachhaltigkeitsdreiecks auch die Aspekte der ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit ernst zu nehmen. Diese müssen wir in der Lehre noch stärker thematisieren und unsere Studierenden dahingehend ausbilden, dass sie die nötigen Kompetenzen erwerben um in ihrer späteren beruflichen Laufbahn einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Seefahrt und Logistik leisten zu können.

Persönliches

Aufgewachsen bin ich in Südwestdeutschland zwischen Streuobstwiesen, Wäldern und Weinbergen. Nach dem Abitur und einem BWL-Studium an der Fachhochschule Heilbronn habe ich noch ein Unistudium des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Karlsruhe angehängt, weil ich das Leben als Studentin sehr genossen habe. Bei einer Logistik-Beratung habe ich danach einige Jahre schwerpunktmäßig für die Automobilindustrie („für den Daimler“) und für die Elektronikbranche gearbeitet. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag im Spätherbst 1994, als ich zu meiner Probevorlesung nach Elsfleth kam. Zum ersten Mal in der norddeutschen Tiefebene war das für mich als passionierte Skifahrerin ein sehr ungewohnter Anblick: in den Donnerschweer Wiesen stand das Wasser, kein Wald, kein Hügel weit und breit. Bei der Probevorlesung am Fachbereich in Elsfleth war die Aula voll: fast alle (!) Studis und Kollegen waren versammelt um diese Bewerberin aus dem Süden zu begutachten. Viele dachten sicher: „Was will die hier denn?“ Eine Süddeutsche ohne nautischen Hintergrund am Fachbereich für Seefahrt?

Ziemlich genau ein Jahr später zogen wir dann keine 200 Meter vom Fachbereich in ein renoviertes Kapitänshaus direkt an der Hunte. Als zuletzt berufene Professorin im kurz vorher gegründeten Studiengang „Seeverkehrs- und Hafenwirtschaft“ stieg ich mit vollem Deputat ein und musste Vorlesungen übernehmen, für die sich bis dahin kein Kollege gefunden hatte, darunter auch einige in Gebieten, mit denen ich vorher nur am Rande zu tun hatte. Eine sehr arbeitsreiche Zeit folgte, die mir aber nach meiner Zeit in einer Unternehmensberatung mit 12-14 Stunden-Tagen nicht fremd war.

In den Jahren nach meiner Berufung bekamen wir Kinder und ich habe mich auf die Lehre konzentriert, weil zeitliche Planbarkeit wichtig ist, wenn beide Partner beruflich voll engagiert sind. Meine Verbindung zu den aktuellen Themen in der Industrie konnte ich über die Betreuung vieler Bachelor- und Masterarbeiten halten, für eigene Forschungsprojekte oder ein Engagement an der Hochschule über den Fachbereichsrat oder Berufungskommissionen hinaus, fehlte mir aber einfach die Zeit.

Während meiner Zeit als Hochschullehrerin haben mich die Kolleg_innen immer sehr gut unterstützt und mir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht. Nun sind die Kinder aus dem Haus und quasi auf der Zielgeraden meiner Arbeit an der Hochschule ist jetzt die richtige Zeit, dem Fachbereich und der Hochschule etwas zurückzugeben. Aus diesem Grund habe ich auf die Frage nach einer Kandidatur als Dekanin nicht lange gezögert und zugesagt.

Nachdem ich 1995 als erste Frau an den Fachbereich Seefahrt berufen wurde, bin ich nun also 2021 die erste Frau als Dekanin an einem Fachbereich Seefahrt.

Prof. Barbara Brucke

JW: Welche Schwerpunkte möchten Sie als Dekanin setzen?

Brucke: Für mich besteht die zentrale Aufgabe von Fachhochschulen in der praxisorientierten akademischen Ausbildung unserer Studierenden. Dies tun wir in enger Zusammenarbeit mit regionalen Partnern. Dazu kommt noch die anwendungsnahe Forschung und Entwicklung unserer Forschungs-affinen Kolleginnen und Kollegen. Damit wir unseren Studierenden das nötige Handwerkszeug beibringen und sie auf Führungspositionen in der Industrie vorbereiten können, müssen wir externe Trends wahrnehmen und in der Lehre umsetzen. Ich bin eine überzeugte Anhängerin von Teamwork und Kooperation, sowohl nach innen als auch nach außen. Im Moment bin ich noch dabei, mich in die komplexen Aufgaben einer Dekanin einzuarbeiten: Ich möchte allerdings zunehmend vom Reagieren auf aktuelle Themen wie das Corona-Management, ins Agieren und ins gemeinsame Gestalten mit meinen Kolleg_innen kommen. Mein zentrales Anliegen ist die Sicherung der Zukunftsfestigkeit des Fachbereichs Seefahrt und Logistik durch eine Modernisierung unseres Fächerspektrums, durch die anstehenden Berufungen und die Vernetzung der Kompetenzen aus der Nautik und Logistik. Wir müssen dazu in der Ausbildung die Themen Vernetztes Lernen, Digitalisierung und Nachhaltigkeit verstärkt verankern und die Erkenntnisse der Forschungsprojekte der Kolleg_innen noch besser in die Lehre rückkoppeln.

 


JW: Was wünschen Sie sich für Ihre Amtszeit?

Brucke: Auch wenn die Online-Lehre und die Selbstverwaltung aus dem Home Office ziemlich gut funktionieren, wünsche ich mir, dass wir aus dem Corona-bedingten Krisenmodus wieder in ruhigere Fahrwasser kommen. Der Dialog mit den Kolleg_innen und den Studierenden fehlt aktuell sehr, das ist online nur eingeschränkt möglich. Ich würde mir für unsere Studierenden auch wünschen, dass sie wieder mehr gemeinsam tun können: zusammen lernen, aber auch wieder Semesterpartys feiern oder unser vielfältiges Sportangebot wahrnehmen können. Das gehört einfach zum Studieren dazu.

Ich persönlich möchte, dass der Fachbereich wie eine gut geölte Maschinerie funktioniert, dass wir als Kollegium die wichtigen Zukunftsthemen adressieren, diese in der Lehre und Forschung umsetzen und damit unseren Studierenden eine gute Ausbildung und anschließend eine gute Karriere in der Wirtschaft ermöglichen.

 

Ansprechpartnerin in der Redaktion

Katrin Keller
Katrin Keller

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